JSPS BERICHT – Als Postdoktorand in Kyoto zu japanischer Philosophie forschen

Dr. Fernando Wirtz
Dr. Fernando Wirtz

Ich hatte das große Glück, im Rahmen der JSPS-Programme sowohl mit dem JSPS Summer Program im Sommer 2019 als auch als Stipendiat des „Postdoctoral Fellowship (Short-term) for North American and European Researchers“ im Jahr 2020 für ein halbes Jahr in Japan forschen zu dürfen. Dass diese Erfahrungen für meine akademische Laufbahn von entscheidender Bedeutung waren, versteht sich von selbst. Sie ermöglichten es mir nicht nur, meine Forschung weiterzuentwickeln und mein Netzwerk zu erweitern, sondern halfen mir auch, die Bedeutung interdisziplinärer Exzellenz besser zu verstehen.

Mein Forschungsgebiet ist die Philosophie, aber ich bin überzeugt, dass meine Erfahrungen Forschenden aller Disziplinen zugutekommen können. Während meines Promotionsstudiums an der Universität Tübingen arbeitete ich vor allem zum Mythosbegriff des deutschen Philosophen F.W.J. Schelling. Für mein Postdoc-Projekt entschied ich mich jedoch bewusst für einen radikalen Richtungswechsel und widmete mich ganz der japanischen Philosophie. Dieser Schritt wäre ohne die Erfahrungen mit JSPS nicht möglich gewesen.

Das JSPS Summer Program begann mit einer Einführungsveranstaltung im Mai in Bonn, bei der sich die deutschen Fellows gegenseitig kennenlernen und Informationen zum Ablauf des Programms erhalten konnten. Nach der Ankunft in Japan fand Mitte Juni, noch vor der Weiterreise an die jeweiligen Gastuniversitäten, eine knapp einwöchige Orientierung an der SOKENDAI in Hayama statt. Dort nahmen wir nicht nur an Vorlesungen und Japanischkursen teil, sondern konnten auch kulturelle Aktivitäten wie Kalligraphie oder Teezeremonie erleben. Noch wichtiger war jedoch der intensive interdisziplinäre Austausch: Wir verbrachten jeden Tag mit Fellows aus verschiedensten Fachrichtungen, tauschten uns über Japan aus und diskutierten unsere Forschung. Am Wochenende vor der Abreise wurden wir von japanischen Gastfamilien aufgenommen. Meine Gastfamilie war ein Ehepaar mit großem Interesse an Fremdsprachen – wir stehen bis heute in Kontakt.

Als Gastinstitution wählte ich die Kyoto-Universität, mein Gastgeber war Professor Uehara vom Lehrstuhl für Japanische Philosophie. Dieser Lehrstuhl ist insofern besonders, als er am Ursprungsort der sogenannten „Kyoto-Schule“ angesiedelt ist – jener bedeutenden philosophischen Tradition, die von Philosophen wie Nishida Kitarō, Tanabe Hajime, Nishitani Keiji, Nakai Masakazu und Miki Kiyoshi im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts geprägt wurde.

In den Geisteswissenschaften benötigt man zwar keine Labore oder spezielle Geräte, doch sind die materiellen Rahmenbedingungen dennoch von großer Bedeutung. Die Bibliothek der Kyoto-Universität bot nicht nur Zugang zu aktueller Sekundärliteratur, sondern auch zu wertvollen Archiven wie der Nishida-Bibliothek.

Im Rahmen meines Forschungsprojekts untersuchte ich, wie Miki Kiyoshi den Begriff des Mythos interpretierte, und verglich seine Ansätze mit der Philosophie Schellings. Dieses Projekt bildete den Ausgangspunkt für die Planung eines umfangreicheren Forschungsprojekts, das auf den Ergebnissen meiner Dissertation aufbaute.

Während meines Aufenthalts in Japan nahm ich zudem an verschiedenen Tagungen und Workshops teil. Bei meiner Rückkehr nach Deutschland verfügte ich über eine Fülle an Materialien (und Büchern), die es mir ermöglichten, das nächste Postdoc-Projekt gezielt vorzubereiten.

Dank der Kontakte, die ich im Summer Program geknüpft hatte, konnte ich mich anschließend für das Short-term-Postdoc-Stipendium bewerben. Ich reichte meine Bewerbung erneut über das Bonner Büro ein, dessen Mitarbeiter:innen hervorragend arbeiten und die Kandidat:innen stets mit großem Engagement unterstützen.

Als ich die Nachricht erhielt, dass ich ausgewählt worden war, war ich überglücklich. Bei meinem zweiten Aufenthalt wählte ich erneut die Kyoto-Universität. Diesmal konnte ich mich sowohl sprachlich als auch im Hinblick auf die Forschungssituation viel sicherer bewegen. Ich nahm regelmäßig an den Graduiertenseminaren des Lehrstuhls für Japanische Philosophie teil und hielt schließlich sogar einen Vortrag auf Japanisch. Philosophische Forschung ist oft eine einsame Arbeit – daher sind solche Gelegenheiten zum Austausch von Erfahrungen und Ideen mit anderen Forschenden und Studierenden von unschätzbarem Wert.

JSPS stellt eine sehr großzügige finanzielle Förderung bereit, die man etwa für Bücher oder Konferenzteilnahmen verwenden kann – eine große Hilfe, da Bücher zur japanischen Philosophie (wie in den Geisteswissenschaften generell) außerhalb Japans schwer zu beschaffen sind und auch online nur eingeschränkt verfügbar sind. Ich empfehle zudem sehr, an akademischen Veranstaltungen in Japan teilzunehmen. Es gibt zahlreiche philosophische Gesellschaften, die jedes Jahr Tagungen abhalten und ausländischen Forschenden sehr offen gegenüberstehen. Auch existiert eine Vielzahl von Fachzeitschriften, die Beiträge auf Englisch, Deutsch und in anderen Sprachen akzeptieren.

Die japanische akademische Welt ist äußerst lebendig. Besonders in den Geisteswissenschaften gibt es eine ausgeprägte Kultur, in der Forschung auch außerhalb der Universität diskutiert wird. Philosophie wird häufig in populären Zeitschriften behandelt, und öffentliche Vorträge sowie Veranstaltungen finden regelmäßig statt. Japan ist daher nicht nur ein idealer Ort, um Forschungsprojekte durchzuführen, sondern auch, um Forschungsergebnisse zu verbreiten und einen interdisziplinären Dialog mit Wissenschaftler:innen anderer Disziplinen und mit der breiten Öffentlichkeit zu führen. Das gilt sicherlich ebenso für die Naturwissenschaften, die in Japan sehr stark in der populären Wissenschaftskommunikation vertreten sind.

Die akademische Welt befindet sich gegenwärtig in einem großen Umbruch. In der sogenannten „publish or perish“-Kultur neigen Forschende dazu, schnelle Ergebnisse zu liefern. Doch um die eigenen Ziele wirklich zu erreichen, ist es wichtig, kontinuierlich und planvoll voranzuschreiten. Die ständige Beantragung von Forschungsgeldern ist zwar anstrengend, aber es braucht Geduld und die Bereitschaft, eine kohärente und langfristige Entwicklung der eigenen Forschung zu priorisieren.

Mit den Mitgliedern der Abteilung für japanische Philosophie im Tetsugaku no Michi
Mit den Mitgliedern der Abteilung für japanische Philosophie im Tetsugaku no Michi